#148 - 8 Stunden autonom, 100x günstiger: Was KI heute kann, hätte vor einem Jahr keiner geglaubt

In dieser insights!-Folge analysiert Tech-Investor Pip Klöckner mit Joubin Rahimi, was sich in 10 Monaten KI-Entwicklung verändert hat. Themen: Execution Windows von bis zu 12 Stunden, um Faktor 100 gefallene Inferenzkosten, das Ende klassischer Outsourcing-Modelle, AI-First-Start-ups als Parallelökonomie zum deutschen Mittelstand und proprietäre Daten als letzte europäische Verteidigungslinie. Eine schonungslose Diagnose dazu, warum Hidden Champions, DAX-Unternehmen und sogar Strategieberater die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzen, und welche konkreten Handlungsfelder daraus für CEOs, CIOs und CDOs entstehen.

Die Gefahr ist, dass die positiven Effekte von KI, oder die Erträge daraus, ganz stark in den Händen weniger Tech-Unternehmen und deren Shareholder konzentriert sind. Und dass die negativen Effekte, eventuell Jobverlust, Ablenkung, suchtführendes Verhalten, sich bei der breiten Masse verteilen und sozialisiert werden. Also die Gefahren werden sozialisiert und die Gewinne privatisiert, wenn Politik da nicht handelt. Bei der Digitalisierung haben wir es nicht so gut geschafft bisher.

Philipp Kloeckner Tech Analyst • Investor & Advisor • Pip Kloeckner

10 Monate KI: Mehr Veränderung als in 10 Jahren Digitalisierung

Wenn du wissen willst, wie viel sich in den letzten 10 Monaten in der KI-Welt verändert hat, frag nicht den Strategen aus dem nächsten Beratungs-Pitch. Frag jemanden, der täglich Märkte, Modelle und Kapitalströme beobachtet. Pip Klöckner war zum dritten Mal Gast bei insights!, dem Videocast von Joubin Rahimi, live von der INSIGHTS the Conference. Seine Bilanz ist kompromisslos: Es hat sich mehr getan als in den 10 Jahren davor.

Drei Treiber stehen für Klöckner im Vordergrund: Erstens das stark gewachsene Execution Window aktueller Spitzenmodelle. Zweitens der dramatische Verfall der Inferenzkosten. Drittens ein neuer Sprung bei Bildmodellen, die Denken und Generierung kombinieren. Diese drei Punkte klingen technisch, aber sie haben handfeste Konsequenzen für jedes Geschäftsmodell, das auf Wissen, Content oder Software basiert.

Execution Window von 12 Stunden: Wenn KI länger arbeitet als dein Vorstand schläft

Vor einem Jahr konnten Modelle vielleicht drei Minuten autonom Code schreiben oder Research-Tasks erledigen. Heute, so Klöckner, arbeiten aktuelle Anthropic-Modelle 8 bis 12 Stunden autonom durch. Du gibst ihnen abends eine Aufgabe, gehst ins Bett, und morgens liegt der erste Wurf einer App, eines Researchs oder eines Prototypen vor dir. Die Komplettierungsrate liegt bei rund 50 Prozent, das heißt nicht jeder Lauf ist ein Treffer, aber die schiere Größenordnung ist neu.

Parallel sind die Inferenzkosten, also die laufenden Kosten pro Token bei der KI-Nutzung, um Faktor 100 gefallen. Das öffnet zwei Türen gleichzeitig: Modelle können länger und tiefer denken, weil das Budget pro Aufgabe leistbar wird. Und mehrere Agenten können nebeneinander wie ein Orchester arbeiten, weil die Parallelisierung wirtschaftlich tragbar wird. In Summe ergibt sich eine neue Geschwindigkeitsebene, die in klassischer Linienorganisation kaum noch abbildbar ist.

Was bei Klöckner zwischen den Zeilen mitschwingt: Die Geschwindigkeit selbst wird zum strategischen Vorteil. Wer in zwei Tagen einen Prototypen beim Kunden hat, statt in drei Monaten, gewinnt nicht durch bessere Slides, sondern durch sichtbare Substanz im ersten Termin.

Lösungen sind billig geworden, Probleme sind teuer

Die wichtigste mentale Verschiebung, die Klöckner anstößt, betrifft die Knappheit. Über Jahrzehnte galt: Lösungen sind aufwendig, gute Probleme zu identifizieren ist vergleichsweise einfach. Heute kehrt sich das um. Wenn ein Modell in 30 Minuten einen Prototyp liefert, ist die Lösung nicht mehr der Engpass. Der Engpass ist, dass jemand das richtige Problem präzise und scharf formuliert.

Damit verschiebt sich auch die Restriktion auf der Marktseite. Wenn jeder Hollywood-Filme texten oder Computerspiele über Nacht bauen kann, geht trotzdem niemand öfter ins Kino oder spielt mehr. Die Nachfrage hat ein Limit, das Klöckner als die eigentliche Engstelle in vielen Märkten beschreibt. Wer Kunden besser erreicht und Probleme besser versteht, gewinnt. Wer nur Lösungen produziert, hat ein Distributionsproblem.

Konkret bedeutet das für dein Unternehmen: Investiere weniger in die nächste KI-Demo und mehr in die Frage, welches reale, wertvolle Problem in deinem Markt heute noch ungelöst ist. Das ist die kritische Ressource der KI-Ökonomie.

Die unbequeme Wahrheit: Deine Strategieberater nutzen die KI, die sie verkaufen, oft selber nicht

Eine weitere Aussagen Klöckners betrifft die großen Strategiehäuser. Im deutschen Mittelstand, bei Hidden Champions und in MDAX- und DAX-Konzernen sieht er keinen unternehmensweiten KI-Agenten im operativen Einsatz. Auch nicht bei den großen Beratungen, die KI-Transformation gerade als Top-Produkt verkaufen. Intern gebe es selten einen Agenten, der das Wissen aller Kunden und Projekte konsolidiert, und gleichzeitig stehe das Thema im Verkaufspitch ganz oben.   Das ist ein unbequemer Punkt, weil er ein gängiges Geschäftsmodell adressiert. Es bedeutet nicht, dass externe Beratung wertlos ist. Es bedeutet aber, dass du als Auftraggeber sehr genau hinschauen solltest, wie tief der Anbieter selbst KI nutzt, bevor du dir eine KI-Strategie verkaufen lässt. Eine simple Prüffrage: Wie sieht der eigene KI-Workflow im Account-Team aus, das dich betreut?   Die Konsequenz ist, dass AI-First-Start-ups in einer Parallelökonomie arbeiten. Sie hiren weniger Menschen, brauchen weniger Querschnittsfunktionen und kommen mit kleineren Teams auf Unicorn-Bewertungen. Klassische Unternehmen, die KI nur über externe Berater einkaufen, treten dagegen mit einem strukturellen Geschwindigkeitsnachteil an.

Outsourcing nach Indien? Das Modell stirbt gerade

Ein weiterer Bereich, den Klöckner messerscharf einsortiert, ist das klassische Outsourcing. Die Werkbank-Logik der letzten 20 Jahre, einfache Entwickler-, Datenpflege- und Callcenter-Tätigkeiten in Niedriglohnländer zu verlagern, kollabiert in Echtzeit. Massenentlassungen bei den großen indischen Outsourcing-Anbietern und Druck auf philippinische Callcenter-Strukturen sind seine Beispiele.

Die Konsequenz reicht tief in die Strategiefolien deutscher Mittelständler hinein, die heute noch Standortexpansion in Südostasien diskutieren. Joubin Rahimi berichtet im Gespräch, wie synaigy einen ähnlichen Plan bewusst beerdigt hat. Die Logik: Wenn ein Produktmanager mit 200.000 Euro Jahresgehalt und einem Tokenbudget von 2 Millionen für KI mehr Output liefert als 40 bis 50 Entwickler in einem Offshore-Hub, fallen nicht nur die Personalkosten weg, sondern auch HR, Recruiting, Payroll und der gesamte Komplexitätsoverhead einer global verteilten Organisation.

Wer also gerade einen Standort plant, sollte sich fragen: Bauen wir hier KI-Hilfskräfte auf, die in 24 Monaten obsolet sind? Oder bauen wir wirklich Nähe zu unseren Kunden auf?

Daten sind das neue Gold und der deutsche Mittelstand schläft auf dem Schatz

Wenn du im DACH-Raum nur eine strategische Wette eingehen willst, wettet Klöckner auf proprietäre Daten. Öffentlich verfügbare Daten sind in den Modellen längst abgebildet. Das Asset, das nur du hast, sind die Daten in deinem operativen Geschäft. Genau dort sieht er den Hebel, an dem europäische Hidden Champions gewinnen können.

Konkrete Beispiele, die Klöckner anspricht oder die direkt anschlussfähig sind:

  • Anonymisierte Assistenzsystem-Daten von Automobilzulieferern für besseres Self-Driving
  • Industrielle Produktionsdaten und Verschleißdaten aus Maschinenparks
  • Predictive Maintenance an Windkraftanlagen, Werkzeugmaschinen und Logistikflotten
  • Medizinische Daten in regulierten Versorgungsstrukturen
  • Flotten- und Lieferdaten von Handelsketten

Die Voraussetzung, um diese Daten zu monetarisieren, ist allerdings unsexy: Datenklassifikation, saubere Taxonomien, Rechtemanagement, Datenschutz. Klöckner verweist auf den US-Anbieter Palantir, dessen eigentliches Geschäft genau die Normalisierung dieser Datenlandschaft ist. Nicht das Modell ist der Engpass, sondern die Infrastruktur darunter.

Wenn du diesen Schritt nicht selbst gehst, gehen ihn andere für dich. Joint Ventures zwischen US-KI-Anbietern und Private-Equity-Strukturen sind laut Klöckner bereits in Vorbereitung, mit dem Ziel, an genau diese Daten und Use Cases heranzukommen. Wertschöpfung läuft am Ende dahin, wo die Datenhoheit liegt.

Werden uns die USA und China digital kolonialisieren?

Joubin Rahimi stellt im Gespräch eine bewusst provokative Frage: Sind wir gerade in einer Phase digitaler Kolonialisierung durch die USA und China? Klöckner nimmt die Schärfe nicht heraus. Aus seiner Sicht könnte am Ende eine Form von digitalem Protektionismus die einzig pragmatische Option sein, um den Marktzugang für US-Anbieter zu regulieren und die eigene Wertschöpfung zu sichern.

Er ist explizit Fan globalisierter Märkte und nennt die Position trotzdem realistisch. Der Hintergrund: KI-getriebene Wertschöpfung im White-Collar-Sektor und robotik-getriebene Wertschöpfung im Blue-Collar-Sektor begünstigen Länder mit viel Energie und vielen Rohstoffen. China und Russland haben beides, Europa nicht. Die Antwort kann also nicht sein, dieselbe Energie- und Rohstoffschlacht zu kopieren, sondern Zeit zu gewinnen, in der Europa eigene Lösungen mit Open Source, eigener Robotik und eigener Datenhoheit aufbaut.

Was Europa wirklich noch hat: Talente, Open Source und ein begrenztes Zeitfenster

So unbequem die Diagnose, so klar ist auch die Hoffnung, die Klöckner formuliert. In den Forschungspapieren der großen KI-Labore und auf den großen Konferenzen tauchen sehr viele deutsche und österreichische Namen auf. Die Talente sind da, gut ausgebildet und in vielen Fällen bereit zu bauen. Auf der anderen Seite gibt es derzeit so viel Auswanderung aus den USA wie selten zuvor und teilweise sogar Rückwanderung in europäische Länder.

Daraus leitet sich eine konkrete Aufgabe für jede Führungskraft im DACH-Raum ab: Du musst die Talente halten, mit attraktiven Aufgaben, ehrlicher Verantwortung und einer realen Chance, an Open-Source-Lösungen mitzubauen. Das ist nicht nur HR-Thema, sondern Strategie. Wer es schafft, in den nächsten 24 bis 36 Monaten ein eigenes, datenstarkes Plattform-Asset zu bauen, hat eine reale Chance, in der nächsten Stufe der KI-Wertschöpfung sichtbar zu bleiben.

Was du jetzt machen solltest

Die Folge mit Pip Klöckner ist keine Wohlfühl-Episode. Sie ist eine harte Bestandsaufnahme. Aber sie liefert auch einen Handlungsrahmen, an dem du dich heute bereits orientieren kannst, ohne auf das nächste Strategiemeeting zu warten.

Drei konkrete Schritte:

  1. Audit deiner eigenen KI-Realität: Welche KI-Tools nutzen deine Top-Performer wirklich, und wie sieht ihr Tokenbudget aus? Falls die Antwort "keins" ist, ist das deine Baseline.
  2. Datenkartographie: Welche proprietären Daten hast du, die niemand sonst hat? Klassifiziere sie nach Wert, Zugänglichkeit und Rechtelage. Wo sind die ungehobenen Schätze?
  3. Geschwindigkeit als KPI: Miss ab heute nicht mehr nur Output, sondern Time-to-First-Prototype und Time-to-First-Customer-Feedback. Genau hier entsteht der neue Wettbewerbsvorteil.

Die ganze Folge mit allen Details, Beispielen und Gegenpositionen findest du im insights!-Videocast von synaigy und der TIMETOACT GROUP. Sie ist eine der ehrlichsten Standortbestimmungen zur KI-Lage in Europa, die du gerade hören kannst.

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Hier findest du den Podcast des Interviews:

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Hier ist der Inhalt:

Joubin Rahimi

Grandios, dass ihr wieder dabei seid zu einer neuen Folge von insights! Und heute von INSIGHTS the Conference. Mein Name ist Joubin, Joubin Rahimi, und mit bei mir ist Pip Klöckner. Hi Pip!

 

Philipp Klöckner

Hallo, ich freue mich da zu sein.

 

Joubin Rahimi

Total, weil auf dem Event, und wir machen das ja jetzt zum dritten Mal, das erste Mal hatten wir einen anderen Namen, warst du ja jedes Mal und es ist auch so, dass viele sagen: Ist der Pip wieder da? Und so weiter. Also insofern danke, dass auch für die Konstante, dass wir dich immer wieder hier dabei haben.

 

Philipp Klöckner

Ich versuche es gerne. Gute Tradition geworden.

 

Joubin Rahimi

Ja, und das ist ja auch so, dass du auch immer wieder Updates mitbringst von Jahr zu Jahr. Und da würde ich heute auch gerne einfach mal einsteigen. Letztes Jahr waren wir im Juni beieinander, also nicht ganz 12 Monate, bisschen weniger. Wie viel hat sich aus deiner Sicht in diesen 10 Monaten verändert?

 

Philipp Klöckner

Unheimlich viel.

 

Joubin Rahimi

Hast du gleich einen Vortrag mitgebracht mit 3 Slides neu?

 

Philipp Klöckner

Genau, da werde ich noch mal drauf eingehen. Genauer. Aber es ist wirklich schwer, sich vorzustellen, wo wir vor einem Jahr waren. Es hat sich so viel getan, gerade was die Fähigkeiten dieser Large Language Models angeht. Ich glaube, die größten oder die 2, 3 größten Änderungen sind einerseits so das Execution Window, also wie lange diese Modelle unabhängig arbeiten können. Vor einem Jahr war das so, dass die mal so 3 Minuten ein bisschen Code schreiben konnten oder so ein Research Task machen konnten. Heute ist das so, dass die die neuesten Anthropic-Modelle einen halben Tag lang autonom arbeiten können. Also man kann abends ins Bett gehen, denen eine Aufgabe geben: Bau mir ein Projekt, mach Research, bau eine App selbstständig, und die arbeiten wirklich 8 bis 12 Stunden, und die Komplettierungsrate ist noch so 50/50. Es kann auch sein, dass sie mal scheitern, aber sie können quasi einen halben Tag autonom arbeiten. Das ist eine große Änderung, produzieren natürlich auch unheimlich viele Tokens in der Zeit. Das wird wird dann auch teurer, die Kosten steigen. Gleichzeitig sinken die Kosten pro Token einfach. Deswegen können die auch länger arbeiten. Deswegen können die auch quasi noch komplizierter denken oder verschiedene Agenten so im Orchester nebeneinander arbeiten lassen, weil die Kosten pro Token Faktor 100 teilweise günstiger geworden sind innerhalb von einem Jahr. Die sogenannte Inferenz, das Abfragen der KI, wird immer günstiger. Das ist ein großer Treiber und sorgt für noch mehr Nutzung auch. Und ganz aktuell gibt es noch mal einen Riesendurchbruch bei der Bildgenerierung. Also das Images-2-Modell von ChatGPT ist rausgekommen. Die haben sich ansonsten viel Schneid abkaufen lassen zuletzt von Anthropic, gerade beim B2B-Umsatz. Aber dieses neue Image-Modell ist wirklich beeindruckend. Also da kann man innerhalb von Minuten von Wimmelbildern über Infografiken, Social-Media-Kacheln, historische Poster, Landkarten, Nicht perfekt. Auch da sind manchmal noch so kleine Fehlerhalluzinationen versteckt. Aber im Vergleich zu diesen anderen Bildmodellen der letzten Generation, Midjourney und so weiter oder Black Forest Labs, ist es ein Riesenquanten-Sprung, muss man schon sagen, weil das Modell kombiniert Bilderstellung mit Nachdenken. Also man kann sagen, mach mir mal eine LinkedIn-Ankündigung für die Insights und der sucht selber, welches Datum ist das? Ist das im Smart Village? Wer bist du eigentlich? Was ist dein Hintergrund? Und baut daraus quasi das, was sonst ein kleines Social-Media-Team innerhalb von 1, 2 Stunden gemacht hätte vielleicht.

 

Joubin Rahimi

Und witzig, wir haben auch der große Unterschied, die Kuratierung beispielsweise des Events. Wir haben jetzt über 100 Vorträge, haben wir jetzt hier, also eine Menge. Wir hatten aber über 200 auf der Liste und jeder wollte natürlich mit dabei sein. Und wie bekommst du es hin und wie ordnest du es zusammen und wie packst du das in Streams rein? Das war etwas, da habe ich dann erst mal altes Muster, mir alles angeguckt, mal ausgedruckt, Schnipsel gemacht. Ich komme da echt nicht voran und ich brauche wahrscheinlich eine Woche allein, um das zu machen. Und dann dachte ich, ach, ich probiere es mal in Claude. Und dann Claude angeschmissen und ich gucke jetzt mal an der Kamera bisschen vorbei, weil da ist die Patricia, die leidet auch manchmal drunter. Und dann gesagt, okay, ich habe die Herausforderung, was ist unser ICP, was wollen wir als Firma erreichen? Was war letztes Mal begeisterungsfähig? Hier sind die ganzen Feedbacks dazu. Bau bitte das Ding. Und er hat das gemacht. Und dann habe ich festgestellt: Eigentlich gar nicht so geschickt. Bau mir bitte 5 Versionen mit verschiedenen Ausrichtungen.

 

Philipp Klöckner

Genau.

 

Joubin Rahimi

Und dann: Mega! Und jetzt fängt der Spaß an. Und der hat dann auch erst mal eine halbe Stunde oder so gebaut. Ich habe immer geguckt. Warum dauert es so lange. Nee, das ist anders.

 

Philipp Klöckner

Aber wenn man es selber gemacht hätte, hätte es 4, 5 Stunden gedauert oder noch länger. Ich habe auch ein schönes Beispiel. Ich wollte einfach nur eine Matrix als Hintergrund generieren. Also ich habe gesagt, also die These ist, der KI-Markt ist nicht ein Markt, sondern es ist eigentlich Consumer, Professionals, B2B. Und dann gibt es Leute, die erwarten free, Leute, die wollen Subscription zahlen und dann gibt es sozusagen konsumabhängigen, also API sozusagen Rechnungsstellung pro Token. Und bauen wir das nur mal als Matrix. Und dann wollte ich die möglichen Gewinner da eintragen und dann hat dieses Modell aber vollautomatisch mir schon alle Player in den einzelnen Segmenten da reingegeben. Danach habe ich gar nicht gefragt, aber er hat quasi diese Grundstruktur sofort ausgefüllt. Also das, was normalerweise ein Juniorberater oder Analyst 2, 3 Stunden recherchieren würden, hat es einfach innerhalb von 2 Minuten fertig gebaut. Damit war die Slide fertig. Es waren viel mehr Logos drin, als ich eigentlich wollte. Jetzt sehe ich, welche Player da eigentlich aktiv sind im Free-Consumer-Markt oder im B2B-Markt. Fand ich auch beeindruckend.

 

Joubin Rahimi

Wie glaubst du, verändern sich dann Firmen und Rollen dazu? Also schaut ihr euch das auch an oder bist du eher nur auf der Finanz- und Tech-Ebene?

 

Philipp Klöckner

Ich glaube, das unterscheidet sich sehr stark nach dem Profil der Firma. Ich glaube, bei herkömmlichen, gealterten Firmen, auch öffentlichen Trägern vielleicht oder so typischen Mittelständlern, sa wird es wieder einen Transformationsprozess geben, der vielleicht eine Dekade dauern kann, einfach weil es am Ende darum geht, die Gewohnheiten von Menschen und Organisationen, Strukturen zu verändern, und das dauert. Wenn man sich die Digitalisierung anschaut, die heute noch nicht abgeschlossen ist, 20 Jahre vor sich hergeht quasi, dann glaube ich, wird es in den Firmen so ähnlich sein. Und ganz ähnlich auch wieder parallel zur Digitalisierung: Die Start-ups, die heute entstehen, oder die Freelancer, die heute beginnen mit mit AI anzufangen. Die Studenten, die heute, und Studentinnen, die die Uni verlassen, die würden halt für gewisse Rollen gar keine Menschen mehr einstellen. Die würden den Einkauf von KI erledigen lassen, Großteil der Legal Work, Accounting von KI erledigen lassen, Großteil des Marketings von KI erledigen lassen. Also ich glaube, da gibt es auch gute Statistiken für, die zeigen, dass um ein Unicorn zu bauen, braucht man immer weniger Mitarbeiter. Es gibt noch nicht diese Ein-Personen-Milliarden-Companies. Aber was man schon sehr gut sehen kann an den Zahlen, ist, dass viel weniger Leute gehired werden, um quasi auf 100 Millionen Umsatz oder auf eine Unicorn-Bewertung zu kommen. Das heißt, es wird so eine Parallelökonomie geben, glaube ich, dass es sehr schwer wird, die älteren Firmen zu transformieren. Und gleichzeitig droht Gefahr von sehr, sehr schnell wachsenden jungen Firmen, die unheimlich dynamisch arbeiten.

 

Joubin Rahimi

Und die typischerweise nicht aus Europa kommen oder?

 

Philipp Klöckner

Ich habe prinzipiell, würde ich sagen, ist ein globales Phänomen, aber die größten, am schnellsten wachsenden Firmen, die am besten finanzierten Firmen natürlich sind in den USA und sicherlich in China auch.

 

Joubin Rahimi

Ich will noch mal auf die Menschen eingehen. Wir haben dann weniger Personal, die bestimmte Sachen dann machen. Wir haben eine Basis und Applikationen oder Lösungen baust du, was weiß ich, 100 im Jahr in einer Firma. Jetzt kannst du aber mit AI 100.000 machen.

 

Philipp Klöckner

Theoretisch.

 

Joubin Rahimi

Theoretisch, genau, mit derselben Truppe. Einige werden die Truppe verkleinern, andere werden vielleicht sagen, ich nutze das Ganze. Die Frage ist, wie endlich ist das oder was kommt eigentlich danach? Das ist die Frage, die ich mir immer stelle. Ich habe alle Lösungen für unsere Kunden dann durchdigitalisiert. Ist das so dann fertig oder was ist die nächste Ebene? Ganz viele Gedanken.

 

Philipp Klöckner

Also man sieht das schon ein bisschen bei Anthropic, wenn man da schaut, mit was für einer Geschwindigkeit da neue Features, Produkte, Launches, Security-Updates auf den Markt kommen. Also jede Woche 2, 3 größere.

 

Joubin Rahimi

Auch mit Design jetzt noch mal.

 

Philipp Klöckner

Genau, Design, Cowork. Jede Woche wird eigentlich eine neue Profession angegriffen, eine neue Startup-Kategorie angegriffen. Diese Entwicklungsgeschwindigkeit hättest du ja bei einer normalen Firma nicht gesehen. Aber weil Anthropic quasi selber zunächst Software gebaut hat und jetzt haben die Software die Software gebaut oder Menschen sehr stark unterstützt, haben sie wahnsinnige Geschwindigkeit. Was sich daraus ableitet, ist: Es ist wichtiger, Probleme zu finden als Lösungen. Also die Lösungen sind einfacher zu bauen als Probleme zu finden in Zukunft wahrscheinlich. Und was die Restriktion sein wird, ist, glaube ich, die Nachfrage zu finden wird immer schwerer sein. Also viele Sachen, man könnte zum Beispiel sagen, wenn man über Bild- und Videoerstellung nachdenkt, dass Hollywood und die Gaming-Industrie sehr stark angegriffen ist, habe ich letztes Jahr hier, glaube ich, so erzählt auch. Dass quasi jeder ein Computerspiel über Nacht bauen kann, der noch nie programmiert hat. Das ist auch so und wird immer stärker so werden. Es werden auch Leute ihre eigenen Hollywood-Filme texten können mehr oder weniger in Zukunft. Das Problem ist, dass dadurch nicht ein Mensch mehr ins Kino geht. Leute haben ja trotzdem nicht mehr Zeit, um Fernsehen zu gucken oder um Filme zu schauen. Das heißt am Ende ist die Nachfrage die Restriktion. Es geht darum, wer erreicht noch die Kunden mit den Produkten am besten.

 

Joubin Rahimi

Das ist so, wenn ich mir Fernsehen angucke, gibt es weiterhin Netflix, Streaming-Media gibt es weiterhin. Jetzt bei Insta und Co., also die ganzen Snippets gibt es auch. Wir Menschen verbringen eigentlich immer mehr Zeit dann mit den Sachen, weil wir ansonsten weniger arbeiten müssen. Oder ja, das sind so Überlegungen, Was macht es mit unserer Gesellschaft dort?

 

Philipp Klöckner

Auch da wird es glaube ich einen riesen Divide geben zwischen Creatoren oder Buildern, würde man im Englischen vielleicht sagen, also Dingen, die mit KI was bauen, und Konsumenten. Also es wird eine, jetzt mal tendenziell gemeint, aber es wird relativ träge Leute geben, die hauptsächlich Konsumenten sind.

 

Joubin Rahimi

Die Matrix, so ein bisschen, ne?

 

Philipp Klöckner

Genau.

 

Joubin Rahimi

Bist du angedockt und—

 

Philipp Klöckner

Genau, einfach die noch mehr Social Media, natürlich werden die Inhalte, sagen, noch suchtführender werden. Die Algorithmen werden noch besser werden und Menschen werden, manche Menschen werden sich davon gar nicht losreißen können. Und für andere wird das halt eine Explosion an Kreativität sein. Also die können noch mehr verwirklichen, noch mehr bauen. Die werden noch mehr Zeit am Tag damit verbringen, Produkte und Lösungen zu generieren. Und es gibt natürlich auch dazwischen irgendwelche Phänomene. Aber die Spaltung wird es geben, natürlich.

 

Joubin Rahimi

Und dann ist die Frage, wie ist der Kreislauf des des Kapitals, also nicht nur des Kapitals, auch der Wertschöpfung. Du machst Doomscrolling, arbeitest kaum noch, weil du es nicht musst, bist aber dopaminversorgt und eigentlich glücklich. Vermehren wir uns?

 

Philipp Klöckner

Also würde man jetzt im Silicon Valley fragen, dann wäre das Narrativ natürlich, das wird eine ganz neue Zeit von Autonomie, jeder kann alles auf einmal. Das wird meiner Meinung nach aber nicht so kommen. Genauso auch wie beim Internet oder Digitalisierung. Wird zu noch mehr Konzentration von Kapital führen, höchstwahrscheinlich. Uns wird immer das Gegenteil erzählt worden. Beim Internet gab es so den Long Tail, da hat man so erzählt, durch Amazon, durch Netflix können jetzt auch kleine Independent-Filme größer werden. Ist natürlich Quatsch, das Gegenteil ist passiert. Wir gucken alle die gleichen Serien, wir hören alle die gleichen, wir hören alle Taylor Swift eine Milliarde Mal statt irgendwelche Independent-Künstler. Und zu dieser Konzentration, die durch Algorithmen sehr stark verstärkt wird nochmal, wird es auch durch KI kommen. Und die Gefahr ist halt, dass die positiven Effekte von KI, die es natürlich gibt, ganz stark in der Hand, oder die Erträge daraus ganz stark in den Händen weniger Tech-Unternehmen und deren Shareholder quasi konzentriert sind und dass die negativen Effekte, eventuell Jobverlust, Ablenkung, suchtführendes Verhalten und so weiter, sich dann bei der breiten Masse sozusagen verteilt und sozialisiert werden. Also die Gefahren werden sozialisiert und die Gewinne privatisiert, wenn Politik da nicht handelt.

 

Joubin Rahimi

Nicht anders.

 

Philipp Klöckner

Das ist eine große Herausforderung. Bei der Digitalisierung haben wir es nicht so gut geschafft bisher. Also die Konzentration steigt, die Mittelschicht wird tendenziell zumindest nicht reicher, partizipiert nicht mehr daran, aber die Menschen, die an Tech-Firmen beteiligt sind, werden natürlich unheimlich reich.

 

Joubin Rahimi

Aber in Europa, wenn ich nach Südostasien gucke, wächst die Mittelschicht ja.

 

Philipp Klöckner

Genau, das ist auch richtig. In Asien, Südostasien, China, da ist es noch so, dass über die letzten Jahrzehnte relativ nachhaltig und linear immer mehr Menschen aus absoluter Armut rauskommen. Auf jeden Fall ist das unbedingt gut. Für die ist es auch eine große Chance. Wobei interessanterweise gerade der, oder zumindest für einige von denen, deren Jobs jetzt angegriffen werden. Zum Beispiel, wenn wir auf den Entwicklermarkt schauen, Dann sind es nicht die irgendwie Entwickler, die bei der Deutschen Kariath Software für VW bauen oder so, sondern die ihren Job verlieren, sondern die ersten, die den Job verlieren, sind diese typischen Outsourcing-Dienstleister in Indien, InfoSec oder InfoTech oder so, das sind, oder Tata Consulting, die so Hunderttausende von Entwicklern beschäftigen, die man da einkaufen kann, die dann vielleicht ganz viele Datenbank-Anbindungen machen oder ganz viele Webseiten scrapen für Kunden, für Marktmacher, Marktplätze oder so. Und da sieht man schon, dass es da zu Massenentlassungen kommt, weil die Jobs kannst du halt wirklich voll autonom inzwischen mit KI ganz gut machen. Das heißt, oder Callcenter-Agenten waren viele in Philippinen zum Beispiel, weil die gut, relativ gut Englisch sprechen und andere Sprachen auch. Die sind massiv durch KI bedroht leider auch.

 

Joubin Rahimi

Wir haben ja bei uns, wir sind 1700 Mitarbeiter, haben auch in Malaysia, Singapur Standorte. Ich war vor 2 Jahren auch drüben und dann vor einem Jahr noch mal. Die Idee war halt, auch für unseren digitalen Agenturarm, für die synaigy, was aufzubauen. Glücklicherweise, weil wir genug Aufträge, haben wir uns dann gedacht, okay, wie können wir da größer werden? Das war noch vor Claude. Und dann haben wir heute auch unsere AI Factory vorgestellt und das war dann halt eigentlich unser Experiment. Können wir mit AI total viel machen? Und das war ein hammer cooles Ergebnis. Dabei haben wir festgestellt, das wird eine Menge verändern. Und damit hat sich bei uns die Überlegung, wir gehen nach Südostasien oder Brasilien oder wohin auch immer, sofort gesagt: Nee, machen wir nicht, weil die Personen bedienen dann ja auch nur AI. Also haben wir noch eine Schicht da drin. Ja, mag vielleicht vom Kostenpunkt her günstiger sein, aber wo wollen wir uns bewegen? Haben wir gesagt, unser Mehrwert ist doch, wenn wir mit dem Kunden direkt in einem Raum sitzen und die Sachen besprechen können, viel näher. Und dann lass uns das aus Deutschland raus produzieren, oder Deutschland ist vielleicht falsch formuliert, dort wo der Kunde sitzt.

 

Philipp Klöckner

Genau.

 

Joubin Rahimi

Und schwupp, war das von 100 auf 0, der Gedanke weg. Du stützt das gerade, ne? Aber siehst du das auch so?

 

Philipp Klöckner

Ja, ich glaube, diese, also früher hat man versucht, so ein bisschen so eine Werkbank outzusourcen. Und diese Werkbank kann jetzt noch nicht komplett, aber zunehmend von KI gemacht werden. Und tatsächlich, wenn man davon ausgeht, dass ein Entwickler unterstützt oder ein Produktmanager, Produktmanagerin unterstützt mit KI einfach deutlich mehr Lösungen bauen kann, dann ist natürlich viel weniger wichtig, was diese eine Person jetzt kostet, weil am Ende wird das Tokenbudget, was sie braucht, also wir werden das haben, dass man einem Produktmanager, Produktmanagerin 150.000, 200.000 vielleicht im Jahr zahlen, wenn sie richtig produktiv sind. Die werden aber 2 Millionen an Tokenbudget vielleicht verbraten für KI. Aber früher hätten sie halt vielleicht eine 40-, 50-Entwickler-Organisation hinter sich gehabt. Die wird man nicht mehr brauchen. Und damit fallen natürlich nicht nur die Kosten für die menschlichen Entwickler weg, sondern auch die Querschnittsfunktionen. Ich brauche kein Recruiting mehr, ich brauche kein HR Admin mehr, ich brauche kein Payroll in anderen Ländern mehr, was ja sehr aufwendig ist. Auch da gibt es Lösungen, aber das hat schon einfach auch in der Komplexität Vorteile. Es ist natürlich viel einfacher, eine Organisation mit 50, 100, vielleicht 200 Menschen zu führen, als wenn man auf der Welt verteilt 2.000, 3.000 Leute sozusagen beschäftigen muss.

 

Joubin Rahimi

Total.

 

Philipp Klöckner

Und die Geschwindigkeit. Also es geht natürlich immer viel um Kosten, Komplexität, aber der eigentliche Gewinn ist natürlich die Geschwindigkeit. Also dass ich mit Kunden nach 2 Tagen den ersten Aufschlag machen kann, also Prototypen zeigen kann. Eigentlich, wenn der Kunde schnell genug ist, wieder ein Meeting zu haben. Also der Kunde wird wahrscheinlich zum Bottleneck, schnell genug die Ergebnisse zu teilen.

 

Joubin Rahimi

Das haben wir auch gemerkt. Bei Kloeckner haben wir das gehabt. Wir waren dann halt fertig und der Kunde hat gesagt, wir brauchen aber noch 3 Monate. Und wir haben halt schon ganz viel mit AI gemacht und die noch nicht. Und auch super Leute, aber die hatten halt andere Barrieren, sage ich mal so, strukturelle Barrieren in der Firma. Und konnten gar nicht so, wie die schlauen Köpfe da eigentlich wollten.

 

Philipp Klöckner

Und das meine ich, warum die Transformation, obwohl Kloeckner ja schon viel macht mit eigenen Inkubatoren und so, warum die Transformation länger dauern wird, weil diese Beharrungskräfte in Bestandsorganisationen, die unterschätzt man halt tendenziell. Selbst wenn ihr als Dienstleister oder Partner da unheimlich schnell arbeiten könnt und Dinge realisieren könnt, bis das abgezeichnet wird, von Legal geprüft wird und so weiter, dauert dann beim Kunden vielleicht immer noch so lange wie früher und dadurch wird dieser Wandel dann doch viel behäbiger vor sich gehen, als man denkt.

 

Joubin Rahimi

Wie viele Firmen sind dir schon untergekommen, die sagen: Ich habe ein Tokenbudget für einen Entwickler oder pro Team in Deutschland?

 

Philipp Klöckner

In der jüngsten Kohorte der Start-ups, ich würde sagen, die in den letzten 2, 3 Jahren gegründet wurden oder jetzt ganz jüngst, ist das fast Standard würde ich sagen. Da gibt es vielleicht noch zwei Fälle. Es gibt die, die gar nicht so AI-first sind. Da sind es dann einzelne Personen, die vielleicht schon so unter der Haube ganz viel mit Claude machen. Also es gibt wirklich Leute, ich will jetzt niemanden nennen, aber die eigentlich sagen so zwei Drittel meines Jobs macht Claude, aber ich supervise das noch und das ist ja auch ein Job.

 

Joubin Rahimi

Das ist total okay.

 

Philipp Klöckner

Aber eigentlich laufen ständig 3, 4 Prozesse, die ich gestartet habe, wo ich auf Ergebnisse warte. Das heißt, die gibt es, das passiert so ein bisschen unter der Haube, aber es gibt auch welche, die das ganz klar quasi zur Firmenphilosophie machen oder zum Modus operandi, dass sie AI-first arbeiten. In großen Firmen habe ich es, wenn wir jetzt deutscher Mittelstand, typischen Hidden Champions, MDAX-, DAX-Unternehmen, da habe ich das natürlich noch überhaupt nicht gesehen. Auch nicht in den Consulting-Firmen, die das verkaufen. Also die, ich nenne jetzt mal alle, damit, also ich meine gar keinen Speziellen, das könnte Accenture sein, könnte Deloitte sein, eine BCG, McKinsey oder so. Die nutzen teilweise selber nicht die Lösung intern, also ob es dann einen companyweiten Agenten gibt, der das Wissen der ganzen Company und aller Kunden verinnerlicht, weiß ich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass das der Fall ist. Gleichzeitig versucht man anderen das schon als Lösung zu verkaufen.

 

Joubin Rahimi

Ja, das Problem ist häufig: Habe ich die Daten? Also wir sind ja mit neun Marken, vielleicht aus dem Nähkästchen ein bisschen plaudern. Wir haben 9 Marken und wir haben gesagt Referenzsituationen. Also welche Referenzen haben wir zu welchem Kundencase? Da müssen wir uns erst mal öffnen und früher war es ja immer so, wir halten die Daten so eng wie möglich. Nicht alle Daten für alle. Ich sag mal Referenzen sind jetzt mal nicht so geheim, aber es führte dazu, dass ja Ordnerstrukturen und so weiter immer so dann weggeblockt werden in Abteilungen, Bereiche.

 

Philipp Klöckner

Rechtemanagement ist unheimlich wichtig für KI, weil man will ja nicht, dass jeder die Firmen, also der Pförtner, ich sag mal übertrieben, der Pförtner die Firmen-KI fragen kann, was verdient der CEO.

 

Joubin Rahimi

Das ist okay. Aber auf der anderen Seite, wenn du sagst Referenzen, dann willst du ja Zugriff auf alle haben, die du irgendwie nehmen kannst. Und das finde ich, da gibt es dann eine Menge zu tun, weil genau, arbeite ich dann halt in Strukturen, die wir kennen, also das ist ein Ordner, da darfst du rein, da nicht, oder ich schieb es rum, oder weiß die KI, was sie überhaupt mitgeben kann? Jetzt gibt es natürlich Datenschutz.

 

Philipp Klöckner

Ja, da kommen wir gleich nochmal drauf zu. Zugriffsrechte eigentlich, wer darf mit welchem Purpose oder welchem Intent worauf zugreifen? das ist unheimlich schwer. Und was ich auch vollkommen teile, ist, dass die Consulting- und Integrationsarbeit, die derzeit gemacht wird bei den größeren Kunden, ist eigentlich alles Dateninfrastruktur-Arbeit noch, weil da hapert es halt noch, damit KI mit Daten arbeiten kann muss sie halt auch für KI maschinenlesbar optimiert sein. Was sie halt nicht kann, ist die Taxonomie von der Tabelle, mit der der oder die CFO seit 20 Jahren arbeitet, automatisch verstehen. Dafür sind die Daten noch nicht uniform genug. Würden sie sich alle an so eine Terminologie halten oder eine Taxonomie halten, dann könnte KI das ganz gut. Aber das erstmal zu lernen und Daten zu normalisieren, das ist ja, was Palantir zum Beispiel in den USA ganz inzwischen weltweit ganz erfolgreich macht, dass sie erst mal Leute in die Firma schickt, die die Daten so normalisieren, Taxonomien zufügen, damit sie maschinenlesbar, maschinenauswertbar wird. Und dann kann KI relativ autonom damit arbeiten. Die Fehler passieren hauptsächlich aufgrund schlechter Daten. Die Technologie ist eigentlich gar nicht so schlecht.

 

Joubin Rahimi

Und das ist natürlich eines der Kernthemen in den Unternehmen, die Daten dann rauszuziehen. Was würdest du als Unternehmenslenker:in Europa machen? Also wenn du CEO eines Hidden Champions bist, was wären so ein, zwei Gedanken, die du hättest, da würde ich direkt reingehen?

 

Philipp Klöckner

Das hat sich gar nicht so stark verändert, aber vielleicht ist es noch mal klarer und wichtiger geworden. Also das proprietäre Daten, Daten, die niemand anders hat, sind das eigentliche Gold. Daten sind Öl, das hat man schon immer so ein bisschen gesagt. Diese Modelle haben eigentlich alles, was öffentlich an digitalen Daten verfügbar ist, inhaliert schon. Das ist sozusagen gelernt von der KI inzwischen. Jetzt geht es darum, hast du irgendwelche Daten, die kein anderer hat? Also hat ein Bosch vielleicht Daten von den Assistenzsystemen der Autos sozusagen anonymisiert, mit denen man noch besseres Self-Driving bauen kann? Oder hast du irgendwie als Siemens industrielle Produktionsdaten oder Verbrauchsdaten, Windgeneratoren, irgendwie Daten zu Verschleiß oder so. Sowas kann alles wertvoll werden, weil das kannst du nicht aus dem Internet lernen. Da können die großen Anbieter nicht so gut Konkurrenz für bauen. Das kann aber unheimlich wertvoll werden. Das kann man anderen wieder als Lösung weiterverkaufen. Es können medizinische Daten sein. Wie gesagt, alles, was Wartung ist. Predictive Maintenance ist immer ein Thema. Verschleiß, Flottenoptimierung, da ist es immer schwer für andere Anbieter reinzukommen, weil niemand weiß, wie REWE jetzt seine Flotte von Lieferfahrzeugen optimiert oder so. Dazu brauchst du die Firmendaten selbst und das ist der Pool und das kann man eventuell mit eigenen Lösungen, mit Open-Source-Lösungen in deutschen, europäischen Datacentern selber die Wertschöpfung daraus generieren und dann haben wir auch die Wertschöpfung, die steuern die Gewinne in Deutschland, Europa und das ist eigentlich was super Wichtiges für unsere Zukunft, weil das Gegenteil, was drohen würde, ist, dass diese Arbeit in Zukunft alles von US-Unternehmen wie Palantir, aber wie auch OpenAI, Anthropic, die wollen alle so Kooperationen machen in Zukunft mit Private-Equity-Unternehmen, um an die Daten ranzukommen, an die Use Cases ranzukommen, um die Software auch zu distribuieren oder die Modelle zu distribuieren. Und dann wird die Wertschöpfung natürlich zum großen Teil auch bei denen landen, dann wird sie über quasi Steueroasen der Europäischen Union und Deutschland entzogen leider. Das ist jetzt schon sehr absehbar. Die Firmenzentralen von Anthropic, OpenAI sitzen wieder in Irland. Natürlich nicht wegen der exciting Tech-Infrastruktur in Irland, sondern der spannenden Steuern.

 

Joubin Rahimi

Der exciting tax regulation.

 

Philipp Klöckner

Genau, in Irland. Genau, deswegen ist das unsere Aufgabe, sowohl politisch als auch Führung für die Deutschland AG oder die beteiligten Unternehmen.

 

Joubin Rahimi

Ich habe noch eine abschließende Frage, gleich wird hier nämlich auch mit Schlagzeug richtig rumgetrommelt, dann wird man uns wahrscheinlich gar nicht hören. Die Europäer haben irgendwann ja Amerika erobert, physikalisch, vor ein paar hundert Jahren. Mein Eindruck ist, dass die Amerikaner aber auch die Chinesen quasi das umgekehrt mit Europa machen, aber jetzt auf der digitalen Ebene. Kann man das so sehen oder ist das total abwegig? Weil das ist ja schon auch einfach sehr hart und militärisch ausgedrückt oder konfrontativ. Aber das ist so mein Eindruck, dass die Daten einfach rausgesogen werden, die wir in unseren Hidden Champions haben, ohne dass die Firmen ein Auge drauf werfen.

 

Philipp Klöckner

Könnte durchaus sein, dass am Ende uns nichts anderes bleibt, als so eine Art Protektionismus zu machen. Also wirklich, und dann eben den Marktzugang zu verhindern. Ich bin großer Fan von globalisierten Märkten, nicht falsch verstehen, aber man muss ja überlegen, was ist am Ende pragmatisch und realistisch für uns. Und wenn wir das verhindern wollen, also dass die Wertschöpfung über KI und Robotik, also man kann sagen, KI würde den White-Collar-Sektor abschöpfen, Robotik würde sehr viel im industriellen Sektor, im Blue-Collar-Sektor mit der Zeit, das wird über paar Jahrzehnte gehen natürlich, abschöpfen. Und vielleicht müssen wir uns Zeit kaufen, indem wir da quasi Grenzen einziehen und sagen, wir lösen das selber mit Open Source, wir lösen das selber mit Robotik. Das Problem ist aber, wir haben wenig Energie in Europa, bis jetzt zumindest, und wir haben wenig Ressourcen. Das heißt, die Länder, die prädestiniert sind für so ein KI-Zeitalter, wo die Grenzkosten sehr stark sinken, sind die, die viel Energie haben und viele Ressourcen. Das sind China und Russland leider. Das ist nicht wirklich eine gute Aussicht.

 

Joubin Rahimi

Ich will damit gar nicht enden.

 

Philipp Klöckner

Das verstehe ich schon.

 

Joubin Rahimi

Das ist so negativ. Aber ja, okay, da muss man ja arbeiten.

 

Philipp Klöckner

Aber wie erkennst du ein positives Bild?

 

Joubin Rahimi

Letztes Jahr hast du gesagt, wir haben tolle Informatiker.

 

Philipp Klöckner

Genau. Also wenn man immer wieder, wenn ich diese Fachpapiere lese aus den KI-Laboren oder auch die Präsentationen sehe von den großen US-Tech-Firmen, dann sieht man da unheimlich viele deutsche Namen. Auf den großen Konferenzen gibt es Deutsche. Peter Steinberger, ein Österreicher, hat gerade dieses OpenClaw gebaut, was für die Adoption unheimlich wichtig war und die Technologie ganz weit vorangetrieben hat in der Distribution. Das heißt, wir haben immer noch die Talente, wir haben schlaue, gut gebildete Leute, auch kreative Leute, Leute, die was bauen wollen. Die müssen wir hier halten. Man sieht, hat es in den letzten Jahren so gesehen, dass auch das politische Angebot, gesellschaftliche Angebot eine Rolle spielt. In den USA gibt es gerade so viel Auswanderung wie noch nie. Du hast teilweise in europäische Länder wieder Einwanderung. Viele Leute beantragen wieder einen irischen Pass, in dem Fall nicht wegen Steuern, sondern um sich eine zweite Basis zu sichern, falls die USA noch mehr kippen. Das heißt, wir müssen ein komplettes Angebot bauen aus verschiedenen Vorteilen, die Europa noch hat. Um die Talente hier zu halten, dann haben wir mit Hilfe von Open-Source-Technologie hoffentlich schon noch eine Chance.

 

Joubin Rahimi

Danke. Danke für die Zeit. Wir sehen uns ja gleich auf der Stage und wenn ihr Fragen habt, beantwortest du auf LinkedIn Fragen oder kommst du einfach gar nicht mehr dazu?

 

Philipp Klöckner

Genau, einfach unter meinen LinkedIn-Post kommentieren oder eine Nachricht schreiben, gerne.

 

Joubin Rahimi

Super, danke. Dann, wir freuen uns auf nachher. Und schön, dass ihr zugeguckt habt.

Du hast Fragen oder Feedback?

Dann kontaktiere uns gerne direkt.

Joubin Rahimi
Managing Partner synaigy GmbH

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